Am 28.10.2009 berichtete die Allgäuer Zeitung über die Abholung von Susanne nach Ulm
Quelle: Artikel im Online-Portal der Allgäuer Zeitung
Gericht will Kind zu Chemotherapie zwingen
Krebs - Konflikt zwischen Eltern und Arzt wegen Behandlungsmethode: Polizei sollte Zwölfjährige abholen Rechtsanwältin erwirkt einen Aufschub
Den Eltern eines zwölfjährigen krebskranken Mädchens aus Altusried (Oberallgäu) hat
das Amtsgericht Kempten am Donnerstag das Recht entzogen, das Kind nach ihren Vorstellungen ärztlich
versorgen und medizinisch behandeln zu lassen. Gestern sollten die kranke Susanne und ihre Mutter Erika
Rehklau zwangsweise von Mitarbeitern des Jugendamts zur Universitätsklinik Tübingen gebracht
werden, zwei Polizeibeamte wurden zur Unterstützung herbeigerufen. Nach Stunden erreichte die Rechtsanwältin
der Eltern, dass die Universitätsklinik Ulm zunächst den aktuellen Gesundheitszustand des Kindes
ermittelt, wie sich das die Familie wünschte.
Zur Vorgeschichte: Anfang Juli traf die Diagnose Krebs für ihre Tochter das Ehepaar Erika und Fritz
Rehklau wie ein Schlag. Der Zustand Susannes war lebensbedrohlich, einer Chemotherapie stimmten die Eltern
zu. Elf Tage lang wurde die Zwölfjährige an der Universitätsklinik Tübingen der Behandlung
unterzogen, die Nebenwirkungen waren laut Fritz Rehklau gravierend: "Susanne war völlig apathisch
und nur noch Haut und Knochen", beschreibt er. Nachdem sich die Eltern weiter informiert hatten,
ließen sie ihr Kind Anfang August fünf Tage lang im Medias Klinikum, einer Privatklinik für
Onkologie (Tumorbehandlung) in Burghausen, auf eine dort angewandte andere Art der Chemotherapie behandeln.
Sie beschränkt sich auf das befallene Organ und verspricht weniger Nebenwirkungen - eine Erfahrung,
die die Familie Rehklau bestätigt.
Mit Ernährungsumstellung und Misteltherapie wollten die Eltern den Gesundungsprozess unterstützen.
Mehrfach sei Susanne seither von Fachärzten in Kempten, an der Uniklinik Ulm und in Leutkirch untersucht
worden, die Befunde hätten bestätigt, dass der von der Gebärmutter ausgehende Tumor deutlich
geschrumpft sei.
Zur Verhandlung am Familiengericht Kempten kam es, weil der behandelnde Arzt von der Universitätsklinik
Tübingen das Jugendamt einschaltete. Er vertrat die Ansicht, dass nur die in Tübingen favorisierte
Art der Chemotherapie die besten Heilungschancen biete, eine Verzögerung sei nicht zu vertreten.
Die Heilungschancen bei einer Weiterbehandlung mit Chemotherapielägen bei 70 bis 80 Prozent.
Schädigung vorausgesehen
Das Familiengericht schloss sich am 22. Oktober dieser Ansicht an, weil sich andernfalls "eine erhebliche
Schädigung des Kindes mit ziemlicher Sicherheit voraussehen lässt". Das Jugendamt Oberallgäu
erhielt eine "Ergänzungspflegschaft" und ordnete an, dass Susanne, die mittlerweile wieder
zur Schule geht und Fußball spielt, bis auf weiteres an der Uniklinik Tübingen weiterbehandelt
werden soll und vereinbarte einen Termin für Untersuchungen ab 27. Oktober.
Am Dienstag spitzte sich die Situation dramatisch zu: Rechtsanwältin, Eltern, Susanne und der älteste
von sechs Brüdern begrüßten in ihrem umgebauten Bauernhaus die Jugendamtsvertreter. Diese
bekräftigten den Standpunkt, dass Susanne umgehend nach Tübingen gebracht werden soll. Das Kind
sagte mehrfach: "Wenn ich da drin bin, komme ich nicht mehr heraus.
Die Zwölfjährige und die Eltern bevorzugten Ulm, zu deren Ärzten sie Vertrauen hätten.
Die Erziehungshelfer riefen die Polizei, die bald eintraf. Nach vielen Telefonaten der Anwältin mit
Jugendamt, Amts- und Landgericht wurde der Kompromiss akzeptiert: Jugendamtshelfer, Erika und Susanne
Rehklau fahren zur Untersuchung zur Uniklinik Ulm. Über die weitere Behandlung von Susanne soll später
entschieden werden.